Granada

Alcaiceria

Granada Alcaiceria

Abgeschnittene Ohren und eilige Passanten
Raus aus dem Dämmerlicht der Königskapelle und hinein in die schattigen Gässchen des Bazars Alcaicería, gleich gegenüber. Dieses kleine Viertel ist die Nachbildung eines orientalischen Bazars, des früheren maurischen Bazars. Das Bummeln entlang der Schaufenster und Auslagen verschafft eine arabische Illusion.
Degen aus Toledo, Lederkissen aus Marokko, filigraner Silberschmuck, indische Räucherstäbchen, Ansichtskarten, Stierkampfplakate mit dem eingedruckten Namen des Käufers, Granada-Bildbände, seidene Tücher, Shirts mit Alhambra-Emblem und anderer Kitsch - für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel findet sich etwas. Und: Hier können Deutsche Nachhilfeunterricht in punkto Rabattgesetz nehmen. Feilschen ist nicht nur erlaubt, es ist erwünscht.
Die Gasse mündet auf der sonnenüberfluteten Plaza Bib-Rambla. Da flanieren granadische Schönheiten, von den Blicken der Gaffer verfolgt, die sich mit ausgestreckten Beinen in Korbsessel lümmeln, Touristen ziehen von Restaurant zu Restaurant, ratlos, die ausgehängte Speisekarten studierend, Studenten genießen die Sonnenstrahlen bei einem café solo, ihren Uniramsch auf den Knien, und an den Blumenständen handeln Hausfrauen um den günstigen Preis für winzige Veilchentöpfe. Hier lässt sich's leben. Bis zur Abfahrt meines Linienbusses Granada-Almunecar-Nerja bleibt mir noch eine Stunde:

Planlos durch die Stadt. Die Plaza Bib-Rambla. Hier stand das Bib-ar-Raml, das arabische Stadttor, bis es 1883 abgerissen wurde. An das Tor ließen die maurischen Kadis die abgeschnittenen Ohren verurteilter Verbrecher annageln. Am Rande des nächsten Platzes ist das Denkmal des Alonso Sano ein Foto wert. Man nennt den Maler, Bildhauer, Holzschnitzer und Architekten „Michelangelo Spaniens". Weiter durch die Gassen und kurzen Straßen des „christlichen" Granadas, längs und hinter der Kathedrale: Alltagsleben, kaum Touristen. Die Leute um diese Tageszeit meist in Eile, so scheint mir. Die Siesta geht zu Ende, womöglich muss man sich noch einmal im Büro sehen lassen. Kleine Einkäufe. Glücklicherweise befindet sich kein protziger Supermercado zwischen dieser Altbausubstanz. Dafür aber winzige Läden mit Obst und Gemüse, ein Scherenschleifer, Schuhe, Mode, cafeterias, Kneipen, die Preise der ausgeschilderten menus del dia sind hier deutlich niedriger als in den Touristenzonen, knapp einhundert Meter entfernt.Kurzer Blick in das studentenleere Gebäude der Universität, ein wunderschöner Barockbau, an den Wänden Info-Zettelkram, im schattigen Patio Stöße von Makulator der Universitätszeitung. Eine Institution im Dornröschenschlaf. Gleich nebenan die ehemalige Jesuitenkirche und jetzige Stiftskirche San Justo y Pastor, erbaut zwischen 1575 und 1589. Der Zoom meiner Pentax rückt die schönen Reliefs über dem Portal in greifbare Nähe.

Ich werde bestimmt wiederkommen. Blick auf die Uhr. In der nahen Gran Via Cólon gilt es, einen Zustieg in den Stadtbus zu finden.Als ich kurz vor 18 Uhr in meinen Bus Richtung Nerja klettere, grüßt über den Dächern des Busbahnhofes ein letztes Mal die gewaltige Sierra Nevada. Im Hochgefühl seiner Triumphe konnte das Königspaar nicht ahnen, was Jahrhunderte nach den Todesdaten allein von „Las Indias" den spanischen Kolonien in Süd- und Mittelamerika wieder verloren ging: 1811 Chile, 1813 Paraguay und Uruguay, 1819 Kolumbien, 1824 Peru, Argentinien und Mexiko, 1825 Bolivien, 1898 Kuba, und Puerto Rico. Sind das Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung der Geschichte? Hat Kuypers den Nagel auf den Kopf getroffen mit der Bemerkung, „die schimmernden Goldbarren aus Mexiko und Peru, sie sollten das goldene Licht werden, in dem sich Spanien die Flügel versengte"? Oder ist es einfach nur so, wie das einmal ein Engländer bildhaft ausdrückte: „The sand in the hourglass isn't flowing upwards!" Keine befriedigende Antwort? Dann halte ich mich an ein verbotenes Trinklied der Araber aus dem 14. Jahrhundert. „Erwägt, wie nun das Kalifat gesunken, und wie die Welt im steten Wechsel kreist! Lang sinne drüber nach des Weisen Geist, und er wird sehn, wie Ruhm und Macht und Wonnen der Herrschaft eitel sind schnell zerronnen". Hier also haben die Katholischen Könige ihre letzte Ruhe gefunden, die Kapelle steht auf der Stelle der ehemaligen Hauptmoschee Granadas, am Ort ihres endgültigen Sieges über die Mauren wollten sie begraben sein. Bis in die kleinste Einzelheit strahlt der gelbliche Carrara-Marmor Pracht und Macht aus. Der Italiener Domenco Fancelli und der Spanier Bartolomé Ordónez schufen das bildhauerische Kunstwerk. Die Eindrücke des Mausoleums sind überwältigend, und ich ertappe mich dabei, wie ich in meiner Bewunderung an Details hängen bleibe, an den Greifen mit ihren Löwenkrallen, Adlerflügeln und Drachenschnäbeln, den von Engeln getragenen Wappen, den Aposteln und dem Löwen und der Löwin zu Füßen der beiden Könige. Und ich finde die im Reiseführer erwähnten politischen Symbole, Granatapfel, Burg, Pfeile und Joch. Auch den ausgesprochen milden Gesichtsausdruck der Herrscher.

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